Die Pergamentmacherei von der Antike bis ins frühe Mittelalter

Gerade in der Zeit der ausgehenden Antike und dem frühen Mittelalter war die Pergamentkunst zu voller Blüte entwickelt. So entstand im 4. Jahrhundert eine noch  heute vorhandene Ausgabe des Neuen Testaments. Es ist unter dem Namen „Codex Sinaiticus“ bekannt und befindet sich in der Leipziger Universitätsbibliothek. Bei diesem Werk wurde eine Doppelseite nicht wie sonst üblich aus der Haut eines Tieres gefertigt wurde, sondern zur Herstellung des 326 Doppelseiten umfassenden Bandes waren die Häute von über 700 Ziegen nötig. Die gleichmäßige Dicke aller Seiten spricht für eine hoch entwickelte Herstellungskunst. Auch weisen die Pergamente nicht die sonst üblichen Narben, Blutergüsse und Ungezieferbisse auf. Das weist auf eine besondere Pflege der Ziegen durch die Klöster hin. In Troyes/Frankreich befindet sich ein Pergamentbuch aus der Zeit von Papst Gregor I., welches um das Jahr 600 entstanden ist. Insbesondere überrascht, wie hauchdünn die Pergamentseiten waren. Die Fähigkeit, dünnes und gleichmäßiges Pergament herzustellen ist das höchste Ziel jedes Pergamentmeisters. Hier spiegelt sich seine ganze Erfahrung und Meisterschaft wider. Er wird dann mit individuellen Hauteigenschaften und unterschiedlichen Spannungs-verhältnissen in der Haut umgehen müssen. Diese Meisterschaft existierte schon im 4. Jahrhundert, wie der Codex Sinaiticus zeigt, dessen Seiten zwischen 0,1 und 0,2 mm dick sind. Angesichts der verwendeten Kalbshaut ist dies bemerkenswert. Kalbspergamente sind sonst wesentlich dicker, denn schon normales Ziegenpergament hat eine Dicke von 0,15-0,35 mm.

Im spätantiken und frühmittelalterlichem Europa gab es nur noch wenige Zentren der Pergamentproduktion. Der erste literarische Nachweis einer Kloster-Buchbinderei stammt aus dem Jahre 540 n. Chr. Im Jahre 587 stirbt der erste bekannte Buchbinder, der irische Mönch Dagonus. Im 7. Jahrhundert erwähnt man Sigibert in Köln und im 9. Jahrhundert wird St. Gallen als Pergamentzentrum erwähnt. Von diesen Ausnahmen abgesehen verzeichnet man einen gewissen Verfall der Pergamentzunft. Dies zeigt sich in der Dicke der zur Manuskriptherstellung verwendeten Pergamente, die in der Zeit der Klostergründungen zwischen 500 und 900 nach Christi recht dick waren. Ab dem 13. Jahrhundert gab es eine Renaissance der Pergamentmacherzunft. Ab dieser Zeit stellte man wieder fast papierdünne Pergamente her. Hintergrund hierfür ist der hohe Wert, den Pergamentbüchern damals zugeschrieben wurde. Im 12. Jahrhunder sollen für kostbare Prunkbibeln zehn Talente (ca. 10 Mark Silber) gezahlt worden sein.

Die Pergamentherstellung im alten Ägypten

Der Ursprung von Pergament als Beschreibstoff ist weit älter als der viel zitierte Streit zwischen Kleinasien und Ägypten.  So wurden aus dem ägyptischen Wüstensand wesentlich ältere Schriftstücke ausgegraben. Im Ägyptischen Museum in Kairo befindet sich beispielsweise ein Fragment einer Schriftrolle auf aufbereiteter Tierhaut aus der sechsten Dynastie (2400 v.Chr.). In berliner Archiven lagert eine Rolle aus der 12. Dynastie (1990–1777 v.Chr.), während im British Museum ein mathematischer Text aus der Herrschaftszeit Ramses II. (frühes 13. Jh. v.Chr.) aufbewahrt wird. Wissenschaftler betonen, daß auch unter den Assyrern und Babyloniern ab dem sechsten vorchristlichen Jahrhundert  Pergament in Gebrauch war. 

Getrocknete Häute

Ursprung und Verwendung des Pergamentes und des Pergamentbegriffes

Der Name Pergament stammt von der griechischen Stadt Pergamon ab und geht in die Zeit von 300 v. Chr. zurück. Demnach wurden uns vom Historiker Plinius überliefert, daß zwischen den Königshäusern des antiken Griechenlands und Ägyptens ein Wettlauf um die größte Bibliothek bestand. Die Ägypter sahen nicht gerne, dass in Pergamon die Bibliothek schneller wuchs als ihre. Deshalb verbot Ptolemäus Epiphanes – der Herrscher von Alexandria – die Ausfuhr des bis dato üblichen Schreibstoffes Papyrus aus Ägypten nach Kleinasien und glaubte Eumenes daran zu hindern, weitere Abschriften für seine Bibliothek in Auftrag zu geben. Eumenes ließ daraufhin Pergament für seine Schriftrollen verwenden. Der Name stammt von der griechischen Stadt Pergamon ab. Die Verwendung von Pergament ist jeoch viel älter. So finden sich in der ägyptischen vierten Dynastie (2550-2450 v. Chr.) die ersten auf Leder geschriebenen Dokumente. Aus dieser Zeit stammen auch die ersten, fragmentarischen Lederrollen. In Berlin liegt eine Schriftrolle aus der 12. Dynastie (ca. 1800 v.Chr.). Aus der Zeit von Ramses II. aus dem 13. Jahrhundert v. Chr. ist im Britischen Museum ein mathematischer Text erhalten. Später kamen jüdische Pergamente hinzu. Einige im 3. Jahrhundert v. Chr. entstandene buddhistische Schriften aus dem Gebiet zwischen Pakistan und Afghanistan sind ebenfalls erhalten. In der Frühzeit des Islams wurde ebenfalls auf Pergament geschrieben. So befindet sich in Samarkant ein auf Antilopenpergament geschriebenes Prachtexemplar eines mutmaßlich echten, frühen Korans. Dieses ist in der uns bekannten Kodex-Buchform hergestellt worden. Noch in der Antike ging man von der Schriftrolle zur Buchform über. Das älteste erhaltene Buch in der uns bekannten Codex-Form ist der „Codex Vatikanus“ – benannt nach seinem Aufbewahrungsort – und stammt aus dem Jahr 305 n. Chr. Dieser Übergang hat seinen ganz pragmatischen Nutzen, der in der Natur des Pergamentes liegt. So war eine Rollenform von Pergamenten wenig praktisch. Zwar ließ sich das Pergament gut rollen, schnappte aber beim Öffnen immer wieder in diese Form zurück.

Über die vielzitierte Passage von Plinius hinaus ist es schwierig, nach dem Ursprung von Pergament als Schreibmaterial zu fragen, denn die Quellenlage ist dürftig. Herodos erwähnt für 500 vor Christi die weite Verbreitung von Leder als Schreibmaterial. Im Jahr 1909 wurden in Kurdistan zwei wesentlich ältere Pergamente entdeckt. So kann man annehmen, daß Pergament bereits früher in Gebrauch war, sich nun aber weiter ausbreitete. Die Vorteile lagen auf der Hand: man konnte es beidseitig beschreiben, es war leichter zu beschreiben und man konnte auch leichter Korrekturen anfertigen. Ab dem 3. Jahrhundert unserer Zeit hatte es endgültig Papyrus ersetzt. Der Übergang zum Pergament als Schreibstoff und die Entstehung und Verbreitung der Codex-Form gehen Hand in Hand.

Der Name Pergament bezeichnet im Englischen und Deutschen Tierhaut – gewöhnlich Ziegen, Schaf oder Rind – die unter Spannung getrocknet und abgekratzt wurde. Durch den Prozeß des Spannens verändert sich die Faserstruktur, was die bis dahin durchsichtige Haut undurchsichtig und damit gegeignet als Schreibmaterial macht. Dieser Prozeß kann übrigens auch rückgängig gemacht werden, wenn man das Pergament in einer Waschmaschine wäscht. Die ungespannt getrocknete Haut wird als Rohhaut bezeichnet. Leder hingegen ist die mit gerbenden Materialien behandelte Tierhaut. Velum bezeichnete bis zur frühen Neuzeit im Englischen und Deutschen ausschließlich Kalbspergament. Erst in der Moderne wurden beide Begriffe Velum und Pergament verwischt und das Wort Velum diente dazu, ganz allgemein höherwertige Pergamente zu bezeichnen. Der Name Jungfernpergament oder im Englischen „uterine vellum“ bezeichnete das hochwertigste Pergament, wie es aus der Haut von totgeborenen oder ungeborenen Tieren hergestellt wird. Allerdings wurden teilweise auch hochwertige Pergamente von Jungtieren so bezeichnet. Im Englischen können Diplome auch als „Schafshaut“ (sheepskin) bezeichnet werden, was auf das frühere Trägermaterial verweist.  

 

gespanntes Pergament

Pergamentherstellung im Mittelalter

Nach einer mittelalterlichen Herstellungsweise wurde die Haut in fließendem kaltem Wasser für einen Tag und eine Nacht gewässert, um Blut, Dung und organische Reste und Verunreinigungen zu entfernen und die Haut aufnahmebereiter für das Kalkbad zumachen. Heute beschleunigt man diesen Prozeß, um einen Verlust der Hautfasern durch Bakterien im eventuell stehendem Wasser zu verhindern.

In den Beschreibungen des 8. Jahrundert wird von einem Bad vergorener Substanzen – wie z.B. Bier – berichtet. Auch das Book of Kells aus dem 8. Jahrhundert wirde nicht im Kalkbad bereitet. Bisweilen kam auch Urin für den gleichen Zweck zum Einsatz. Dabei wurden die Haare gelockert durch einweichen der Haut in einen hölzernen oder steinernen Gefäß in einer Kalklösung für drei bis zehn Tage. Die Entkalkungsgefäße waren Steinbecken von 2x1x1 Metern, wo zwei Dutzend Häute auf einmal gewässert wurden. Bis zum Frühmittelalter bestand es aus verrottenden oder vergorenden Flüssigkeiten wie beispielsweise Bier oder gärenden Pflanzenabfällen. Seit dem Mittelalter fügte man Ätzkalt hinzu. Das Kalkbad wird heute gelegentich durch die Zugabe von Natriumsulfid als Enthaarungsmittel geschärft. Hierzu verwendete man Holz- oder Steinbottiche. Auch wenn das Kalkbad aufgrund der geringen Wasserlöslichkeit des Kalks recht schwach ist, empfahlen die mittelalterlichen Autoren zum Umrühren hölzerne Standen zu nehmen. Je nach Jahreszeit wurde die Haut zwischen 8 und 16 Tagen belassen. Die Häute wurden 2-3 mal täglich umgerührt. Bisweilen kam ein zweites Kalkbad zum Einsatz, da der Kalk nur langsam mit der Haut reagiert und auch gleichmäßiger wird. Gleichmäßige Haut hat bei der Pergamentherstellung eine gleichmäßig opake Färbung.

Danach wurde die Haut unaufgespannt auf einem Scherbaum gelegt und mit einem gebogenem Messer mit Griffen an den beiden Seiten der Klinge abgekratzt. Hierbei wurde der äußere Hautfilm der Haar- und Fleischseite abgekratzt. Danach wurde die vorbereitet Haut weitere zwei Tage gewässert, um den Kalk zu entfernen. Danach begann der eigentliche Pergamentherstellungsprozeß bei dem die Haut auf einen hölzernen Rahmen gespannt wird. Das Pergament wird mit dem Kopf nach unten aufgespannt. Schlecht geschabtes Kalbspergament erkennt man an den als schwarzen Punkten verbleibenden Haaransätzen. Man kann die Haut nicht aufnageln, da sich die Haut beim Trocknen zusammenzieht und ausreißen würde. Man befestigt die Haut mit Knoten, wobei alle paar Zentimeter kleine Kieselsteine in die Haut gefaltet werden, an denen dann das Seil befestigt wird. Das andere Seilende wird mit drehbaren Knebeln in den hölzernen Rahmen befestigt. Beim Spannen vergrößern sich auch kleine Risse, die beim Abkratzen unbeabsichtigt entstanden sind, in Löcher, die genäht werden müssen und die Qualität beeinträchtigen. Zumeist wurde auf der Fleischseite gearbeitet und diese dünn gekratzt, denn die Hautseite bedurfte nur der Entfernung einiger kleiner Harrreste. Allerdings ist die Spannung wichtig, Bereiche, die ungenügend gespannt wurden, entwickelten eine durchsichtige Konsistenz. Die aufgespannte Haut wird feucht gehalten.

Parallel dazu wird die Haut vom Mittelalter bis zur frühen Neuzeit mit dem Mondeisen – dem Lunarium oder Lunellum – abgekratzt. Um Schnitte in der Haut zu vermeiden, war die Klinge abgerundet. Mit den Knebeln wird das aufgespannte Pergament ständig nachgespannt. Beim Trocknen erhöht sich die Spannung, und wenn die Haut trocken ist, wird erneut gekratzt. Die Haut ist nun straff wie ein Trommelfell, was den Lärmpegel der Werkstatt erhöht. In diesem Herstellungsprozeß wird das Pergament auf seine entgültige Dicke heruntergeschabt. Je höher die Fingerfertigkeit des Meisters, desdo gleichmäßiger die Dicke der Pergamente.

Vor dem Beschreiben wurden die Pergamente von Laienbrüdern zugerichtet. Der gelehrte Bruder scriptor war nur noch zuständig für ein letztes Glätten des Pergaments mit feinkörnigem Bimsstein oder einem Eberzahn.

Die Klöster besaßen meist eigene Schafherden und auch große Waldbestände. Das Wild und die Schafe lieferten Pergament und Leder, die Klöster hatten das Privileg des Jagdrechts. Schon im 4. Jahrhundert wirft Hieronimus der Kirche übertriebenen Reichtum vor. Bücher gab es hauptsächlich in Klöstern, sie dienten fast nur religiösen Zwecken. Von Fürstenhöfen und Königshäusern sind uns nur wenige Bücher bekannt. Die Klöster hingegen schienen sehr viel Wert auf die Qualität des Pergamentes zu legen. So ließ man den klösterlichen Schafherden eine bessere Behandlung als dem Rest der Kleintierpopulation angedeihen. Das Pergament besonderer Prachtbibeln beispielsweise ist viel feiner, die Oberfläche ärmer an Blutergüssen, Insektenstichen, Hautkrankheiten und Narben, als sonst zu beobachten war.

Da Pergament teuer war, bemühte man sich um ein frühes Recycling. So wurden im siebenten bis neuten Jahrhundert ältere Pergamente mit Bimsstein abgerieben und neu beschrieben. Diese nannte man Palimpsest. Da die Vorgängertexte nicht vollständig beseitig wurden, lassen sich solche älteren Texte teilweise entziffern.

 

Arbeit mit dem Lunellum (Mondeisen)

Pergament in Spanien

In vielen bedeutenden Kirchen werden heute noch erstaunlich große Pergamentbücher im Folio-Format ausgestellt. Eine Doppelseite wurde hier wohl aus einer ganzen Kalbshaut hergestellt, denn mit etwa 1x0,7m haben die einzelnen Seiten ein bedeutendes Ausmaß. Da immer eine Doppelseite Grundlage für ein Pergamentbuch ist, haben die Bögen ein Ausmaß von 2x1,4m. Es sind meistens Gesangsbücher für gregorianische Gesänge und stammen aus dem spanischen Mittelalter nach der Reconquista – also nach 1492 bis etwa 1700. Die Notenschrift ist hier so groß gezeichnet, daß sie die Sänger nur aus großer Entfernung lesen können. Vermutlich schaute der ganze Chor auf einmal in das Buch. Allerdings enthielt eine solche Seite durch die große Schrift auch nur sehr wenige Liedzeilen. Deswegen muß wohl ein anderer Mönch dazu abgestellt worden sein, die Seiten umzublättern. Diese Gesangsbücher haben auch eine performative Komponente, denn sie werden auch außerhalb der Liturgie  aufgefaltet präsentiert.

 

Vom Manuskript auf Pergament zum Buchdruck auf Hadernpapier

Eingeläutet wurde der Niedergang des Pergaments bereits im 13. Jahrhundert. In dieser Zeit kam die Kunst der Papierherstellung von den Arabern nach Europa. Es wurde zu Beginn aus alten Textilfasern hergestellt und verdrängte in den folgenden Jahrunderten Pergament als Schreibstoff. Nach der Erfindung des Buchdruckes Mitte des 15. Jahrhunderts kam es zu einem sprunghaften Anstieg des Bedarfs an preiswertem Schreibstoff. Auch nach der Erfindung des Buchdruckes brach der Gebrauch von Pergament nicht schlagartig ab. So wurde etwa ein Viertel der im Jahr 1455 gedruckten 180 Gutenberg-Bibeln auf Pergament gedruckt. Ab 1470 hatte sich die neue Technologie durchgesetzt. Die Buchdrucker versuchten nun nicht mehr, Handschriften zu imitieren, sondern verwendeten Druckbuchstaben, wie die Inschriften römischer Denkmale. Dekrete französischer Könige aus dem Jahr 1515 sind beispielsweise mit Druck-Lettern gedruckt. Bis ins 16. Jahrhundert – ja bis zum Jahr 1600 – wurden Manuskripte hergestellt. Hier ist es gerade das um 1450 in Mode geratene Stundenbuch, was lange nach dem Niedergang der Manuskriptkultur noch in Gebrauch war. Auftraggeber waren oft Adelige, die diese Werke für Höhepunkte wie Krönungen und Krönungsjubiläen in Auftrag gaben. Allerdings sank die Zahl der Kopierer drastisch. Der Massenbedarf wurde von nun an durch den Buchdruck gedeckt. In Europa gibt es heute noch Reste der alten Pergamentkultur. So stellen einige, historische englische Universitäten, wie die University of Notre Dame, die Universität Glasgow sowie die Heriot-Watt Universität nach wie vor Pergament als Schreibstoff für Promotionsurkunden, die dann von einem Kalligraphen beschrieben werden. Auch werden die „Acts of Parliament“ in England und in Irland zur Archivierung auf Kalbspergament gedruckt. Die einzige traditionell arbeitende Pergamentmanufaktur in England wird von William Cowley aus Newport Pagnell, Buckinghamshire betrieben.

aufgespannte Pergamenthaut

Der letzte Schliff

In den Blütezeiten der Pergamentherstellung hatten die alten Meister stets versucht, dem Pergament einen besonderen Touch zu geben. Sie experimentierten mit Pulvern und Pasten, um die Oberfläche an die Bedürfnisse des Kalligraphen und Miniaturenmalers anzupassen. Bereits in den italienischen Klöstern des 8. Jahrhunderts wurde auf die aufgespannte, noch feuchte Fleischseite Bimssteinpulver eingerieben, damit Tinte besser eindringen konnte. Auch kalziumhaltige Pasten auf Basis von Kalkstein, Mehl, Eiweiß und Milch wurden in die Haut gerieben. Andere Rezepturen verwendeten Pflanzenasche, Kalk oder Kreide. Ziel hierbei war es unter anderem, die Weißheit der Oberfläche zu erhöhen und Flecken entfernen. Teilweise war man bemüht, die gesamte Oberfläche zu versiegeln. Hierzu wurde auf das trockene, aber noch aufgespannte Pergament eine Paste aus Kalkmehl, Ätzkalk, Mehl, Eiweiß und Milch mit einem feuchten Lappen eingerieben, um eine glatte, harte, ebene und weiße Oberfläche zu erreichen. Verwendete man Bimssteinpulver, das man in die Fleischseite des Pergaments eingerieb, erzielte man eine seidige, Tinten aufnehmende Oberfläche. Hierzu mußte das Pergament noch im feuchten Zustand auf dem Rahmen gespannt sein. Ziel war es, das Hautfett zu entfernen. Hautfett macht sich beim Beschrieben unangenehm bemerkbar, da die Tinte dort nicht eindringt. Hierbei war Vorsicht geboten. Allzu rigoroses Entfetten wiederum war auch nicht gut. Ist die Haut zu trocken, braucht man zuviel Tinte, die dann eindringt. War der Fettanteil jedoch zu hoch, wurde beispielsweise im 14. Jahrhundert auch ungebrannter Kalk in die Haut eingearbeitet.

Nach der Pergamentherstellung wurde das Material vom Schreiber weiter behandelt. Das Pergament wurde durch wiederholtes Anfeuchten und Trocknen vorbereitet. Das gefaltete Doppelblatt war die Schreibeinheit der mittelalterlichen Mönche. Hier wurden mit Nadeln Löcher angebracht, anhand derer das Pergament liniert wurde. Links und rechts dienten senkrechte Linien der Begrenzung der Textblöcke. Manuskriptpergament aus Ziegenhaut wurde mit Sandpapier beidseitig behandelt. Kalligraphiepergament einseitig. Für Buchbinde- und Möbelbezugsarbeiten sowie für Interieurapplikationen ist es unbehandelt.  

Eine Besonderheit stellen frühe, jüdische Sakralschriften dar. Hier wurde eine schwache Gerbstoff-Lösung als Finnish auf das fertige Pergament aufgetragen. Dies sollte unmittelbar vor dem Schreiben das Pergament stärken. Beispiele hierfür finden sich in den berühmten Qumran-Rollen, die aus einer Höhle am Toten Meer geborgen wurden. Später ging dieser Brauch verloren. Neben Tora-Rollen wurden auch andere jüdische Schriften in besonderen Prozessen hergestellt. So beispielsweise Mezuzah genannte, als Haussegen verwendete, gekapstelte Schriftstücke an Türpfosten jüdischer Häuser und Gebetsriemen, die beim bestimmten jüdischen Strömungen um die Hand oder die Stirn getragen werden. In Anlehnung an eine antike Tradition, direkt vor dem Schreiben die Oberfläche mit Tannin zu bestreichen, fand dieser Brauch im 18. und 19. Jahrhundert seine Renaussance. Dies sollte dem Pergament zusätzliche Festigkeit verleihen, ließ es allerdings dabei fast zu Leder werden.

Auch im Mittelalter wurde schon farbiges Pergament hergestellt. So wurde eine Bibel aus dem fünften Jahrhundert auf purpurnem Pergament geschrieben. In Konstantinopel entwickelte sich im frühen Mittelalter eine luxuriöse Verarbeitungsform, wo das Pergament mit Purpur – dem Saft der Purpurschnecke – gefärbt und mit Gold- und Silberbuchstaben verziert war. Später gab man die Purpurfärbung auf, behielt aber die Illustration mit Gold und Silberfarben bei. Cennini aus dem 15. Jahrhundert erwähnt Rezepturen, um purpurnes, blaues, grünes, rotes und pfirsichfarbenes Pergament herzustellen. Hierzu wurde die Farbe auf ein feuch aufgespanntes Pergament aufgebracht.

gemahlener Kalkstein

Vorbereiten des Pergamentes zum Schreiben und Malen

Die Pergamentmacher und Kalligraphen entwickelten über die Jahrhunderte Fertigkeiten und Techniken, um die besonderen Eigenschaften des Pergamentes zu unterstreichen. Einige Pergamentmacher versuchten beispielsweise die Hautporen mit einer Mischung aus Alaun, Fett oder pflanzlichem Tannin zu verschließen, um die Wasseraufnahme zu verhindern. Dies ist gerade im Jüdischen Kontext relevant. Bereits auf den antiken Bibelrollen, welche im Gebiet des Toten Meeres geborgen wurden, fand man eine dünne Schicht Tannin.

Unter bestimmten Bedingungen können beim Herstellungsprozeß Löcher und Risse im Pergament bilden. Zu Lebzeiten des Tieres schlecht vernarbte Wunden können sich bei unvorsichtigen Bewegungen öffnen, verhornte Warzen reißen und sich zu Rissen erweitern. Ein erfahrener Pergamentmacher erkennt die Schwachstellen der Haut und ist an den empfindlichen Stellen sehr vorsichtig. Die Größe der Löcher spiegelt die Meisterschaft des Pergamentmachers wider. Manchmal kann der Pergamentmacher ein kleines Loch zunähen, um es vom aufreißen zu hindern. Löcher können auch entstehen, wenn der Pergamentmacher die Haut zu dünn schabt. In wenigen Fällen macht der Pergamentmacher absichtlich Löcher an bestimmten Stellen, um seine Häute wiederzuerkennen. Hautunebenheiten können auch beim fehlerhaften Gebrauch des Mondeisens entstehen. Wenn die Klinge auf der Haut springt, entstehen charakteristische Linien und Streifen.

Entstandene Löcher versuchte man zuzunähen. Sowohl Fäden als auch Sehnen wurden als Nähmaterial verwendet, wobei vorzugsweise das noch frische Pergament genäht wurde. Auch trockene Pergamente wurden genäht, wobei hier Leinen, Seide oder Pergamentstreifen verwendet wurden.

Pergament bedarf sogut wie keinerlei Pflege. Sollte es aber extrem trocken sein, dann ein Öl-Spray verwenden. Das Spray kann entweder direkt oder mit einem Lappen aufgetragen werden. Wichtig bei Pergament: Nicht zu viel auftragen! Pergament ist genügsam und nur bei Feuchtigkeit empfindlich. Deswegen sollte es zur Reinigung nur trocken abgestaubt oder abgebürstet werden. Man sollte es nicht waschen, weil das Pergament aufweicht. Maximal ein leicht feuchtes Abwischen, wo es nötig ist. Krusten hingegen sollte man eher versuchen, vorsichtig abzuschaben.

Für bestimmte Verwendungszwecke unterzog man das Pergament einer speziellen Oberflächenbehandlung. Wollte man es beispielsweise für kalligraphische Arbeiten verwenden, wurde die Fläche mit einem scharfen Messer abgeschabt, mit Bimssteinpulver abgerieben oder mit Kreide poliert. Auch Beschichtungen kamen zum Einsatz. Die byzantinischen Handwerker rieben Eiweiß und natürliche Öle in die Oberfläche. Heute wird beidseitig geschliffenes Pergament auf dem deutschen Markt zum Schreiben angeboten.

Bis ins 15. Jahrhundert wurde ein Großtei lder Ölbilder auf Pergament gemalt. Hierzu bedurfte es besonderer Vorbereitungen und Fähigkeiten. Das quellende Pergament bildete auf der Stelle, wo gemalt wurde, eine kleine Erhebung – was von vielen Künstlern geschätzt wurde. Andere hingegen sahen es als Nachteil. So begann ab dem 15. Jahrhundert, Papier als Malgrund das Pergament zu verdrängen. 16. und 17. Jahrhundert war Pergament als malgrund holländischer und italienischer Meister beliebt. Gerne für Miniaturportraits und Stilleben. Im 19. Jahrhundert auch gerne von Französischen Malern wie Buhot. Russische Maler beschichteten es mit mattweißer Farbe. Gemalt wurde mit Graphit, angerührter Farbe, Stift und Tusche, Pastell, Holzkohle, Wasserfarben und Gouache. Auch im 19. Jahrhundert bekam das für Druckweiterverarbeitung vorgesehene Pergament ebenfalls eine Oberflächenbeschichtung.

Im kalligraphischen Kontext wurde wasserfeste Eisengallustinte oder kohlehaltige Tinte verwendet. Sollte es bedruckt werden, so verwendete man eine harzhaltigere Druckerschwärze bzw. solche auf Basis von Kohle-Öl. Bemalt stand eine Reihe von Pigmenten und Metallen wie Gold, Silber und Zinn zur Verfügung. Bisweilen bestimmte der Gebrauch die Verwendung des Schreibmaterials. Pergamente für Herrschaftshäuser wurden auch gerne mit Blattgold beschichtet. Architekturpläne, Karten und Landschafts-Architekturpläne wurden gerne bis ins späte 18. Jahrhundert – und evtl. darüber hinaus – auf Pergament mit Gouache- und Wasserfarben gestaltet.

Vernähen kleiner Löcher

Die Tinten der mittelalterlichen Pergamentschreiber

Dornentinte: Die mittelalterlichen Schreiber beschrieben ihre Pergamente auch mit Dornentinte. Diese war sehr lichtecht, haltbar und gleichzeitig sehr wasserfest. Ein Mönch namens Theophilus hat um 1100 ein Rezept hierzu hinterlassen. Demnach schnitt man Schlehenzweige im Frühling kurz vor dem Austreiben der Blätter. Nachdem die Zweige einige Tage liegen gelassen wurden, klopfte man die Rinde ab und legte sie ins Wasser. Diesen Sud ließ man nun einige Tage stehen, bevor man anfing, ihn einzukochen. Hierbei wurde die Rinde ausgekocht. Sobald sie ausgelaugt war und keine färbenden Substanzen mehr enthielt, wechselte man sie aus. Dies wiederholte man so lange, bis die Brühe eine satte rötliche braunschwarze Färbung annahm. Diesen Sud kochte man mit Wein ein und ließ dann die Substanz in einem Pergamentsäckchen in der Sonne trocknen. Zum Schreiben löste man die pulvrige Substanz in warmen Wein. Bisweilen wurde dem Pigment auch Baumharz – meist Kirschbaumgummi – als Bindemittel zugesetzt. Das so entstandene Pigment war nahezu unbegrenzt haltbar. 

Eisengallustinte: Die bekannteste mittelalterliche Tinte ist zweifelsohne die Eisengallustinte. Wir sie doch heute noch zur Unterzeichnung internationaler Verträge verwendet. Es gibt sie seit dem 3. Jahrhundert v.Chr, wobei die Grundbestandteile Eisenvitriol, Galläpfel, Wasser und Obstbaumgummi sind. Die extrem gerbsäurehaltigen Galläpfel werden getrocknet, gemahlen und zerkocht. Nun wird das Eisenvitriol und der Pflanzengummi hinzugegeben. Der Pflanzengummi dient als Bindemittel und verhindert das Ausflocken der Tinte. Die eigentlichen Pigmente entstehen erst nach dem Schreiben, denn das chemisch zweiwertige Eisen des Vitriol verbindet sich an der Luft mit der Gallussäure zu einem tiefschwarzen Pigment. Da dieser Prozeß etwa einen Tag dauerte, setzte man als Stilmittel einen später verblassenden Farbstoff hinzu. 

Pulverflasche aus Marokko

Weitere Verarbeitung als Finnish

In den italienischen Klöstern des 8. Jahrhunderts wurde auf die aufgespannte, noch feuchte Fleischseite Bimssteinpulver eingerieben, damit Tinte besser eindringen konnte. Um das Pergament zu Entfetten, urden verschiedene kalziumhaltige Pulver und Pasten eingesetzt. Auch Pasten auf Basis von Kalkstein, Mehl, Eiweiß und Milch wurden in die Haut gerieben. Aus dem 15. Jahrhundert sind von Pergamentmeistern Rezepturen zum Färben überliefert. Ziel war es, das Hautfett zu entfernen. Hautfett macht sich beim Beschrieben unangenehm bemerkbar, da die Tinte dort nicht eindringt. Um dies zu verringern, wurden kalziumhaltige Puder und Pasten angewendet. Endweder als Pflanzenasche, Kalk oder Kreide. Diese fanden auch schon im 14. Jahrhundert Anwendung in Form von ungebranntem Kalk. Allzu rigoroses Entfetten wiederum war auch nicht gut. Ist es zu trocken, braucht man zuviel Tinte, die dann eindringt. Weiterhin wollte man die Weißheit erhöhen und Flecken entfernen. So wurde Bimssteinpulver in die Fleischseite des Pergaments eingerieben, um eine seidige, Tinten aufnehmende Oberfläche zu erreichen. Hierzu mußte das Pergament noch im feuchten Zustand auf dem Rahmen gespannt sein. Darüber hinaus wurde auf das trockene, aber noch aufgespannte Pergament eine Paste aus Kalkmehl, Ätzkalk, Mehl, Eiweiß und Milch mit einem Feuchten Lappen eingerieben, um eine glatte, harte, ebene und weiße Oberfläche zu erreichen.

Nach der Pergamentherstellung wurde das Material vom Schreiber weiter behandelt. Das Pergament wurde durch wiederholtes anfeuchten und trocknen vorbereitet. Das gefaltete Doppelblatt war die Schreibeinheit der mittelalterlichen Mönche. Hier wurden mit Nadeln Löcher angebracht, anhand derer das Pergament liniert wurde. Links und rechts dienten Senkrechte Linien der Begrenzung der Textblöcke.

Eine Besonderheit stellen frühe, jüdische Sakralschriften dar. Hier wurde eine schwache Gerbstoff-Lösung als Finnish auf das fertige Pergament aufgetragen. Dies sollte unmittelbar vor dem Schreiben das Pergament stärken. Beispiele hierfür finden sich in den berühmten Qumran-Rollen, die aus einer Höhle am Toten Meer geborgen wurden. Später ging dieser Brauch verloren. Neben Tora-Rollen wurden auch andere jüdische Schriften in besonderen Prozessen hergestellt. So beispielsweise Mezuzah genannte, als Haussegen verwendete, gekapstelte Schriftstücke an Türpfosten jüdischer Häuser und Gebetsriemen, die beim bestimmten jüdischen Strömungen um die Hand oder die Stirn getragen werden. In Anlehnung an eine antike Tradition, direkt vor dem Schreiben die Oberfläche mit Tannin zu bestreichen, fand dieser Brauch im 18. und 19. Jahrhundert seine Renaussance. Dies sollte dem Pergament zusätzliche Festigkeit verleihen, ließ es allerdings dabei fast zu Leder werden.

Auch im Mittelalter wurde schon farbiges Pergament hergestellt. So wurde eine Bibel aus dem 5. Jahrhundert auf purpurnem Pergament geschrieben. In Konstantinopel entwickelte sich im frühen Mittelalter eine luxuriöse Verarbeitungsform, wo das Pergament mit Purpur – dem Saft der Purpurschnecke – gefärbt und mit Gold- und Silberbuchstaben verziert war. Später gab man die Purpurfärbung auf, behielt aber die Illustration mit Gold und Silberfarben bei. Cennini aus dem 15. Jahrhundert erwähnt Rezepturen, um purpurnes, blaues, grünes, rotes und pfirsichfarbenes Pergament herzustellen. Hierzu wurde die Farbe auf ein feuch aufgespanntes Pergament aufgebracht.

Manuskriptpergament aus Ziegenhaut werden mit Sandpapier beidseitig behandelt. Kalligraphiepergament einseitig. Für Buchbindearbeiten und Möbelbezugsarbeiten und Interieur Applikationen ist es unbehandelt.  

Oberflächenbehandlung

Chorbücher im mittelalterlichen Europa: der Naumburger Dom

Mittelalterliche Chorbücher gehören mit zu den schönsten und imposantesten Beispielen der Pergamentverarbeitung. Vor allem ihre Größe von ca. 80x60cm sind für den Laien auf den ersten Blick kaum erklärlich. Diese vergleichsweise riesigen Abmessungen erklären sich aus dem Anwendungskontext. Es genügt, sich vor Augen zu führen, daß sich ein ganzer Chor um ein solches Notenbuch versammelte. Aus dem hierzu notwendigen Abstand ergibt sich die Größe. Das Begrenzende dieser Bücher war die Haut der üblicherweise zur Verfügung stehenden Häute. Eine Doppelseite mit ca. 80x120cm gewinnt man bei der Verarbeitung einer gewöhnlichen Kalbshaut bzw. einer Ziegenhaut von einer sehr großwüchsigen Rasse, wie man sie oft in Mitteleuropa findet. Möglichweise ist diese Größe auch die Vorlage für die heute üblichen Papierformate, welche alle auf die Größe A0 (84x119cm) zurückgehen. Das hier gezeigte Chorbuch wird im Naumburger Dom in Sachsen-Anhalt gezeigt. Es wurde um das Jahr 1500 im Auftrag des regionalen Bischofs und der Domverwaltung hergestellt. Das hier ausgestellte Werk enthält kirchliche Wechselgesänge (Antiphone) und Antwortgesänge (Responsorium), welches von den Mönchen während der täglichen Pflichtgebete (Hora) gesungen wurde. Abgeleitet hiervon ist die in Deutschland verwendete Bezeichnung Antiphonar.

 

 

Chorbuch ca. 1500 Naumburger Dom

Chorbücher im mittelalterlichen Europa: Einzelseite im Naumburger Dom

Dieses aus Kalbspergament gefertigte Blatt stammt aus einem Chorbuch, welches sich im Naumburger Dom befindet.  Die Seite enthält Darstellung zum jüdischen rituellen Reinigungsritus von Maria nach der Geburt Jesu. Das Blatt wurde in den 1930er Jahren aus dem Buch entfernt, gelangte in Privatbesitz und konnte 2018 vor der geplanten Versteigerung bei Sotheby von der Domverwaltung zurückerlangt werden.

Heute finden sich auf bekannten Internetplattformen zuhauf Angebote von solchen Einzelblättern, die teilweise schon für weit unter einhundert Euro zu haben sind. Dies sind unverzierte Blätter, denn Exemplare wie das hier dargestellte, erzielen bequem den zehnfachen Preis. Solche in Europa legalen Verkäufe befördern den Kunstdiebstahl, und selbst renommierte Verkäufer scheuen nicht davor zurück, Antiquitäten ohne Provinienz zu verkaufen. Dem Auftragsdiebstahl von weniger zentralen und weniger gut geschützten Antiquitäten steht hierbei Tür und Tor offen.

Einzelblatt aus einem Chorbuch ca. 1500 Naumburger Dom

Chorbücher im mittelalterlichen Europa: Normandie/Frankreich

Bei diesem Chorbuch handelt es sich um ein sogenanntes Anti-phonarium. Es stammt aus der Normandie/Frankreich vom Ende des 16.Jahrhunderts und enthält kirchliche Wechselgesänge (Anti-phone). Die schwarzen Flecken links und rechts unten entstehen beim Umblättern der Seiten. Sie zeugen vom aktiven Gebrauch und versprühen den Charme jahrhundertelanger Benutzung. Allerdings entstehen sie in mittelalterlichen, bäurisch geprägten Gesellschaften schon nach wenigen Jahren.

Chorbuch aus der Normandie 16.Jahrhundert

Stundenbücher im europäischen Mittelalter: Südfrankreich

Dieses mittelalterliche Stundenbuch wurde vor 1350 in Spanien oder Südfrankreich geschrieben. Um das Jahr 1400 wurde es  in Perugia/ Italien verziert.

Stundenbuch Südfrankreich oder Nordspanien

Stundenbücher im europäischen Mittelalter: Frankreich

Das Stundebuch zum Lobe Marias (Horae Beata Mariae Virginis) stammt aus dem Frankreich des 15. Jahrhunderts. Sie waren im Privatbesitz von wohlhabenden religiösen Laien, vornehmlich aus dem Adel. Hier finden sich diejenigen Gebete, die nach bestimmten Ordensregeln zu bestimmten Tageszeiten rezitiert werden müssen.  Es befindet sich heute in der ehemaligen Benediktinerabtei Fécamp in der Normandie.

Stundenbuch Horae Beata Mariae Virginis aus Frankreich

In einer französischen Klosterbibliothek

Dieser schöne Bücherschrank stammt aus der im 19. Jahrhundert aufgelösten Benediktinerdatei in Fécamp/ Nordfrankreich. Deutlich zu sehen sind die in helles Schweinepergament eingebundenen Werke.

Stundenbuch Horae Beata Mariae Virginis aus Frankreich

Gesamtansicht

Torahrollen im jüdischen Glauben

Nicht zu jeder Zeit und in allen Kulturen Europas war man gleichgültig was die Wahl der Tiere anbelangte. Gerade im jüdischen Kulturbereich achtete man streng darauf, ausschließlich Pergamente rituell reiner und nach mosaischem Glauben geschlachteter Tiere zu verwenden. So wurden Schriftrollen des alten Testaments – Torahrollen – nur auf Häuten rituell geschlachteter – also kosherer – Tiere hergestellt werden. Fischpergament durfte wegen seines durchdringenden Geruches nicht verwendet werden. Auch das Schreiben sebst mußte in der Intention geschehen, eine Torah-Rolle herzustellen, weswegen es von Juden getan werden mußte. Ob aus diesem Grund im Frankreich des 15. Jahrhunderts Ziegenpergament als Grundlage für heilige Texte verwendet wurde – während Schweinepergament für die Buchbindearbeiten bevorzugt wurde – kann nur vermutet werden.

Torah-Rolle

Die jüdische Tradition: Thorarollen

Diese Torarolle befindet sich im Israelmuseum in Jerusalem. 

Thorarolle Israelmuseum Jerusalem

Die jüdische Tradition: die Qumran-Rollen

Hier zu sehen ist eine Qumran-Rolle. Es ist somit eine von einem Dutzend Schriftrollen des Alten Testaments, die neben unzähligen Textfragmenten in den 1950er Jahren in Höhlen versteckt am Toten Meer gefunden wurden. Sie stammten aus der Feder der Essenen – einer antiken jüdischen Splittergruppe. Neben den Essener gab es, wie die Bibel im Neuen Testament berichtete, u.a. auch noch Herodianer, Pharisäer und Saduzzäer. Christliche theologische Ansätze gehen sogar davon aus, daß es sich selbst bei den Anhängern der frühen Jesus-Lehre um eine jüdische Gruppierung handelte. 

biblische Schriftrolle Jeremias aus Qumran ca. 150 v.Chr.

Die jüdische Tradition: die Qumran-Rollen

Die Qumran-Rollen belegen die Existenz einer lebhaften jüdischen Gemeinde am Toten Meer. Nachdem westliche Archäologen etwa einhundert Jahre lang bereits in dem Gebiet tätig waren, entdeckten einfache Hirtenjungen Schriftrollen in den nahe gelegenen Höhlen in den späten 1940er Jahren. Sie verkauften sie letztendlich an Antiquitätenhändler, bis die Fundstücke schließlich in die Hände der Wissenschaft gelangten. Die ältesten Texte sind biblischen Ursprungs und über 2100 Jahre alt. Sie wurden zumeist in Hebräisch geschrieben. Historisch interessanter sind einige Abhandlungen über die Gemeinschaftsregeln der Essener. 

biblische Schriftrolle aus Qumran

eine Thorarolle aus Leipzig

Diese Thorarolle wurde aus der Synagoge Leipzig gerettet, die während der Kristallnacht von den Faschisten angezündet wurde. Sie wurde im Dachboden der städtischen Universitätsbibliothek versteckt und später nach dem Krieg nach Israel gebracht. Sie wird heute in Jerusalem im Holocaust-Museum Yad Vashem ausgestellt.

Thorarolle aus Leipzig

Gedenkstätte der Synagoge

Hier zu sehen ist die Gedenkstätte der ehemaligen Synagoge Leipzig. Das jüdische Gotteshaus wurde im Jahr 1854 als Hauptsynagoge der Stadt errichtet. In der Kristallnacht 1938 wurde sie in Brand gesteckt und tags darauf abgerissen. Die Thorarolle wurde gerettet und fand ihren Weg nach Israel, wo sie nun wie oben beschrieben im zentralen Holocaustmuseum von Jerusalem unter anderem von einem lebhaften Gemeideleben in Leipzig zeugen. Die Stühle im Bildhintergrund erinnern an den Versammlungssaal der Synagoge.   

Gedenkstätte ehemalige zentrale Synagoge Leipzig

Die jüdische Tradition: der Schreiber

Der jüdischer Schreiber namens Rabbi Shimshon Israeli in Massada am Toten Meer. Sein Arbeitsplatz ist der Festungsberg, der Ort des letzten Schlachtfeldes des römisch-jüdischen Krieges um das Jahr 70 AD. Dort wurden Reste einer frühen Synagoge freigelegt, die eine kleine rituelle Begräbnisstätte für alte, heilige Texte (Genizah) enthielt.

Jüdischer Schreiber in Massada(Israel

Die jüdische Tradition: handgeschriebene Torahrollen

Der Schreiber muß ein männlicher, gottesfürchtiger und in den entsprechenden Gesetzen ausgebildeter Jude sein. Die Texte dürfen nicht aus dem Gedächtnis geschrieben werden, sondern nur nach heiliger Vorlage. Nach Jahren des Studiums beginnt er mit dem Esther-Kapitel des Alten Testaments. Daraufhin folgen Schutzamulette (mezuzah und tefillin). Erst dann darf er eine ganze Torahrolle schreiben. Üblicherweise nommt er vor jedem Schreibtag ein rituelles Bad (mikwe) und vor dem Schreiben des Gottesnamen spricht er eine religiöse Formel aus.Geschrieben wird mit Federkiel oder wie im christlich/ muslimischen Orient mit dem Schreibrohr. Eisenfedern sind verboten. Zum einen ist Eisen ein Material des Todes, da daraus Waffen geschmiedet werden. Zum anderen kann die Spitze die Torah zerstechen. Wird die Torahrolle verwendet, darf sie nicht mit der bloßen Hand berührt werden. Hierzu gibt es kleine Zeigestöcke, welche oft eine Handform haben. Es gibt Ausnahmen zur Reparatur. Wenn eine Torahrolle runterfällt, müssen alle anwesenden Juden einen Tag fasten.

jüdischer Schreiber (sofer) Detail

Die jüdische Tradition: Maimonides

Dieses Werk stammt aus der Feder des berühmten jüdischen Universalgelehrten Maimonides aus dem 12.Jahrhundert. Er wurde in die kosmopolitische Gesellschaft des islamischen Andalusiens geboren und floh dann später nach der Machtergreifung des puritanischen Islams nach Kairo.  Hier liegt ein juristisches Werk (Halacha) vor. Auch wenn dieses Buch eine Rarität darstellt, sind viele beschriebene Pergamentschnipsel aus dieser Zeit erhalten, denn die jüdische Gemeinde Kairos stellt eine Ausnahme dar. Seit dem 10.Jahrhundert hatte die jüdische Gemeinde alle mindestens einseitig mit heiligen Texten beschriebene Schreibstoffe in einem Extraraum (Genizah) gesammelt. Auf diese Weise sind im 19. Jahrhundert weit über 200.000 Textstücke in verschiedene Archive  Westeuropas gelangt.

Abhandlung von Maimonides Andalusien 12.Jahrhundert

Die jüdische Tradition: Maimonides und seine Schriften

Ein schönes Exemplar mit dem religionsphilosophischen Hauptwerk von Maimonides - „Führer der Unschlüssigen“.  Entstanden im 15.Jahrhundert im Jemen. In diesem Werk finden sich neben dem eigentlichen Text auch zahlreiche gelehrte Kommentare (Randglossen).

"Führer der Unschlüssigen" von Maimonides

Der Klang mittelalterlicher Pergamentbücher

Der Pergamentfan Erik Kwakkel hat seine ganz eigene Art, sich dem Pergament zu nähern. Seine Lieblingsbeschäftigungen sind anfassen, riechen und hören – und zwar dem knisterndem Geräusch mittelalterlicher Kalbs- und Schafspergamente. Wie heute ein Mediziner kann er bei gründlicher Beobachtung seine Diagnose stellen. Das beste Pergament faßt sich beispielsweise wie Samt an. Es hat eine gleichmäßige, fast weiße Farbe und ist beim Umblättern fast geräuschlos. Schlechte Haut hingegen knistert – das kommt von der ungleichmäßigen Dicke. Außerdem ist es fleckig und hat manchmal Löcher. Für Erik Kwakkel ist dieses Pergament jedoch viel interessanter. Er iest aus den Fehlern Geshcichten, die die Buchherstellung beleuchten und gibt ihm Hinweise, wie das Buch nach dem Schreiben behandelt wurde.

Die Schreiber haben gewöhnlich keine Schuld an der schlechten Qualität. Das liegt meistens am Pergamentmacher. Pergament-herstellung war eine schwierige Angelegenheit. Wenn die Arbeiter beispielsweise beim Abkratzen der Haut zu Tief in die Oberfläche hineinschnitten, so entstanden Rißansätze, die sich dann teilweise zu Löchern erweiterten. Da diese Löcher sehr häufig in mittelalterlichen Büchern zu finden sind, kann man vermuten, daß sich die Schrieber nicht allzu viele Gedanken darüber gemacht haben. Sie haben einfach drumrum geschrieben.

Manchmal wurden die Löcher auch einfach zusammengenäht. Bisweilen wurde daraus eine wahrfe Kunst, und es gab in einigen Klöstern Traditionen, die Löcher mit farbigem Faden zu umhäkeln.

Schlechtes Pergament erzählt auch Geschichten über den ehemaligen Besitzer des Buches. Pergament wurde damals nach vier verschiedenen Qualitätsstandards verkauft. Hatte das Buch also viele Löcher, hat wohl der Auftraggeber am Materialpreis gespart und billiges Pergament verwendet.

Und weitere Geheimnisse birgt ein Pergamentbuch. Wenn es ein einem feuchten Ort gelagert wurde, konnte sich Schimmel einnisten. Es gibt solche Bücher, deren Buchecken von einem zeitweisen Schimmelbefall ganz schwartz und teilweise sogar purpurrot sind. Ähnlich ist es, wenn das Pergamentbuch keinen Verschluß hatte und sich die Seiten frei bewegen konnten. Dann entstanden Wellen und Staub drang dann von oben in die Seiten.

Der Pergamentspezialist Erik Kwakkel hat auch ein schönes Video produziert, was hier zu sehen ist.

Gregorianisches Gesangsbuch Spanien Ronda

weiterführende Informationen

Als Einführung für den interessierten Laien sind auf jeden Fall der deutsche Wikipediaeintrag sowie der englische Wikipedia-Artikel zu empfehlen. Sehr interessant ist auch der Beitrag von Meliora di Curci "The history and technology of parchment making". 

Die Forschung hat in den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche Standardwerke hervorgebracht, die allerdings aufgrund ihres Umfanges und der Themenstellung für den interessierten Laien kaum zu empfehlen sind. Wer sich dennoch daran wagen möchte, dem seien folgende beiden Werke empfohlen.

1. Ein Standardwerk auf dem deutschsprachigem Markt ist das Werk von Peter Rück, 1991, Pergament. Geschichte - Struktur - Restaurierung - Herstellung, Sigmaringen, Jan Thorbecke.

2. Ein nur noch antiquarisch erhältliches Werk aus dem angelsächsischen Bereich stammt von Ronald Reed, 1975, The Nature and Making of Parchment, Leeds, Elmete Press. 

 

Für weitere Informationen siehe auch meinen Facebookeintrag Pergament Pergamentum

 

Truhe aus Cordobanleder